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Unser Dorf - Eine Geschichte

Unser Dorf - Eine Geschichte
Eine berührende Erzählung über unser Leben und Träumen im Dörfle

Unser Dorf – eine Geschichte

In unserem Dörfle leben ca. 300 Menschen. Guten Boden gibt es hier, Ackerbau, Wälder, Ruhe und Weite. Es gibt nur noch sehr wenige von der Generation, die wussten, was Boden wirklich bedeutet. Nur wenige Enkel erfassen den wahren Kern, wenn Oma sie beschwört, gebt den Boden nicht her, der Acker ernährt den Hof. Oma ist noch nicht unter Erde, da wird der Pachtvertrag mit dem Agrar-Riesen abgeschlossen, bestenfalls auf 30 Jahre. Oder alles wird verkauft, kaum einer erkennt das Geschenk seiner Ahnen.

Die meißten Leute im Dorf mieden uns, seitdem wir her kamen. Es dauerte fast drei Jahre, bis unsere Nachbarin meinen Gruß zögerlich erwiderte. Wir sind anders, so vieles, was sie von uns wahrnehmen stimmt nicht mit ihren Erwartungen ans Leben überein. Wir leben beide Zuhause und pflegen unser Kind. Man möchte zwar nicht tauschen, aber urteilen und verurteilen, darin ist man sich schnell einig geworden.

Nur Elvira kam zu uns auf den Hof, die zarte freundliche Oma mit der jugendlichen Frische im Gesicht und den leuchtend blauen Augen. Eines Tages steht sie in meiner Küche. Beim Anblick der zahlreichen Kräuteressenzen, faltet sie entzückt die Hände zusammen: „Kind, Du musst Dein Haus abschließen, bei all den Schätzen, die du hier hast“ – „Oh, keine Angst, außer Dir weiß keiner um deren Wert.“

Elvira lebte von 86,00 Euro Rente und ihrem Garten. Ganz in der Früh, kurz nach Sonnenaufgang ging sie mit Ihrem Wägelchen und Ihrem Hund in Ihren Garten am Rande des Dorfes, geradewegs bei uns vorbei. Unser Münsterländer Coco erwartete die beiden schon freudig und ging ganz selbstverständlich mit de in den Garten, hörte aufmerksam zu was Elvira zu erzählen hatte. "Man könnte meinen, er  versteht einen, so aufmerksame Augen", meinte sie. Die beiden hatte sich echt gefunden. Die Mittagshitze verbrachte Elvira im Schatten ihres Hofes um zur Abendstunde wieder im Garten zu sein. So ging es tagein tagaus.

Manchmal trafen wir uns oben auf dem Hügel, vor dem kleinen Wäldchen. Wir saßen wie Kinder im saftigen Wiesengrün und mampften Sauerampferblätter. "Das ist der schönste Platz". geriet ich ins Schwärmen. Elvira nickte "Ich war schon als Kind gern hier. Es gab ein Garten, bei den knorrigen Bäume dort." Wir konnten uns gar nicht satt sehen. Vor unserem inneren Auge erblühte die Pracht von einst in der goldenen Abendsonne. Wir vergaßen die Zeit. Die Kirchenglocken ertönten vom Dorf herüber. Schnell ein paar Äpfel unter dem alten Apfelbaum gesammelt, dann stapften wir nebeneinander in unseren Gummistiefeln heimwärts.

Sie war so liebenswürdig und geduldig, hatte so viel Wissen und ich bekam viele meiner Fragen zur Familienversorgung von ihr freudig beantwortet. Wir kochten zusammen ein und hielten manches Schwätzchen, auch über Ihre Lieben, die Sonntags zum Essen kamen.

Meine Enkelin, sagte sie, will von all dem nichts wissen, ich erzähle Dir und wer weiß, vielleicht eines Tages, wird sie Dich fragen, dann kannst Du Antwort geben. In einer klaren Februar Nacht schlief sie friedlich ein und wir lernten ihre Enkelin kennen, an Elviras Grab.

Im Dorf munkelten böse Zungen: "Die werden den wohl Hof verkaufen."

In den kommenden Tagen stapelten sich Elviras Schätze vor dem Tor. Ich konnt es nicht mit ansehen, Ihre lieb gewordenen Dinge auf dem Müll und so ging ich hinüber und bat, Elviras Sachen, die sie wegschmeißen, an mich nehmen zu dürfen. Wir kamen ins Gespräch zaghaft tauschten wir Erinnerungen aus, lachten und weinten gemeinsam, kamen uns näher.

Wir erzählten davon, wir sehr unser Hof uns Heim geworden ist, wie dankbar wir für diesen Lebensraum sind und zögerlich tauchten Fragen auf, ob es vielleicht doch gut wäre, den Hof selbst zu bewohnen. Elviras Enkelin verband wundervolle lebendige Erinnerungen mit diesem Hof. Sie ist dort aufgewachsen, erkannte Omas Spuren in jedem Winkel. Kurzum Elviras, inzwischen 6 Urenkel wohnen jetzt auf ihrem Ahnenhof. Sie wäre stolz auf Ihre Familie. Unermüdlich wird geklopft, gehämmert, gesägt und gepinselt, der Hof blitze blank und freundlich gestaltet. Kreativ verbinden die beiden Altes mit Neuem und streicheln inzwischen liebevoll die alten freigelegten Eichenbalken, die mit ihren zahlreichen Kerben von der Handarbeit der Männer von einst erzählen. Überall grüßen bunte, liebevoll gestaltete Blumeninseln, im Hausgarten schaffen Hochbeete und Gewächshaus Raum für eine gute Ernte.

Klein M. fragte einmal seinen Vater: "Papa was willst du machen, wenn du wieder richtig arbeiten kannst?" – "Das, mein Junge genau das möchte ich machen, mein Leben lang."

Nun, einige Dinge sind wieder auf dem Hof, an ihrem alt gewohnten Platz. Und Elviras Enkelin erfragte ab und an jene Dinge, die ihre Oma mir einst erzählte. Der Kreis hat sich geschlossen.

Unser Hof, liegt an einer Seitenstraße des Dorfes, er hat keinen umfriedeten Hektar Land. Unser Haus bauten wir nicht selbst, wir übernahmen es, nachdem es zu ¾ über 20 Jahre leer stand. Wir sind glücklich, hier lernen und leben zu dürfen.

Erntedank

Wir waren Stadtmenschen, also lernen wir durch unser Tun. Wir lernen den Garten zu bestellen, zu pflegen. Wir lernen Lehmklumpen zu Lehmputz zu verarbeiten, aus Pigmenten Farbe herzustellen, Öfen zu bauen, mit Holz zu werkeln, Wolle zu waschen und zu spinnen, unser Holz für den Winter zu beschaffen, auf einem Holzofen zu kochen, dem Wind und den Sternen zu lauschen und vieles vieles mehr. Wir gehen durch eine Lebensschule, kommen uns und den natürlichen Lebensrhythmen näher, sind glücklich und wissbegierig wie Kinder.

Wir haben die Chance, die sich uns zeigte ergriffen, um jetzt zu beginnen. Von unserem eigenen Land bewaldeter Weiten mit sprudelnder Quelle würden wir wohl heute noch träumen. Ich denke, wir sind wie kleine Bakterien, wir müssen nehmen und verstoffwechseln was da ist. Wir machen sozusagen „Terra Preta mit Schöpfungsakt“.

Nun lasst uns folgendes Bild gemeinsam gestalten: Fünf Höfe stehen leer in unserem Dorf, mindestens auf zwei großen Urhöfen leben alte Menschen allein, der Pflegedienst, die Kinder kommen, keiner von ihnen will dort wohnen, mit oder nach Oma´s / Opas Heimgang.

Wie schön wäre es, wenn Oma oder Opa den Hof wiederbelebt erleben könnten. Als Teil der neuen Generation kann das Wissen um die Geschichte, die Beschaffenheit und Besonderheiten des Hofes lebendig bleiben. Wir haben das erleben dürfen und es war ein Segen von Opa Heini zu lernen. Er wurde in diesem Haus geboren, und verbrachte sein ganzes Leben, außer im Krieg, auf diesem Hof. Als wir kamen, war "Opa Heini" stolze 83, kerzengerade, gewitzt und erfinderisch hatte er immer eine Lösung parat. - Er baute unsere ersten Winterfenster bei Minus 7 Grad in seiner Holzwerkstatt. Im Dorf hat er in fast jedem Haus gearbeitet, keine Treppe, keine Tür, kein Vogelhäuschen, dass nicht durch seine Hände ging und Schlüssel hatte er glaube ich, für jedes Schloss im Dorf - Das riesen Bündel hängt noch heut in der Werkstatt. Er war der tragende Balken unseres Hofes.

Die Höfe, die jetzt frei sind, bereit sind wiederbelebt zu werden, sind Urhöfe, oft noch im Original erhalten, nicht verbastelt, frei von Chemie und Industriemüll. Sie enthalten noch die Kraft der Alten, ihre Spuren sind überall sichtbar, an den handverputzten Lehmwänden, den Lehmstaken in den Decken, den alten Bodendielen.

Geht man jetzt mit dem Gedanken ran, jeder zweite Hof weg, um den vollen Hektar zu bekommen, werden sicher die alten Höfe zuerst auf dem Abrissplan stehen. Ich würde einen anderen Weg wählen, der ist langwieriger, aber was ist schon Zeit?

Familien beleben die alten Höfe im Dorf, sagen wir, die fünf leeren, die beiden Althöfler – Höfe, den bewohnten Hof zum Verkauf. Das macht schon rund 9 Familien. Rund 20, mit Kindern vielleicht 30 Menschen, die ihren Traum leben, miteinander das Land bestellen, altes Handwerk pflegen, Ihr Schaffen und Wirken im Dorf lassen. Das sind dann schon mal gute 10 Prozent.

Es wird eine neue Energie spürbar werden, gesunde, starke Kinder bauen wieder Baumhäuser und Dämme am Fluss. Einige alte Leute werden sich bei diesen Bildern an Ihre Kindheit erinnern und Frieden finden. Man wird wieder Lieder durch die Fenster hören, glückliche Familien erleben – in der Nachbarschaft. Den Menschen im Dorf wird eine Alternative vorgelebt, sie bekommen eine Ahnung, dass sie selbst den Weg wählen können, den sie gehen. Neben Altem erwächst bereits das Neue, hautnah, zum Anfassen, lebensbejahend und stark durch natürliche Wurzeln.

Und wir? Wir werden in der Gemeinde über eine Neuordnung der Boden - Klausel abstimmen. Bisher bekommt der Agrar – Riese automatisch jedes freie, nicht bewirtschaftete oder nicht pünktlich bezahlte Stück Land. Wir beleben und reinigen die alte Dorfquelle, mit Wasserrecht für alle. Der Bürgermeister will sie uns schenken, sie zu säubern, für einen Allein eine zu große Aufgabe, gemeinsam ein gutes Projekt, Mutter Erde zu heilen.

Die Generation der Elvira – Enkel wird diese Erneuerung erleben, Ihre Kinder wachsen damit auf und in 25 Jahren, wenn der Pachtvertrag mit der Agrargenossenschaft über die 10 ha Land ausläuft, werden sie das Land zum Teil selbst bestellen, für Ihre Pferde nutzen und einen Teil den Familien geben, auf das blühende Gärten wieder rings um das Dorf wachsen.

Und unser Hof? Die Agar-Genossenschaft wird den angrenzenden Agrarhof irgend wann verlassen. Zeit dem Boden zu helfen sich zu regenerieren. Eines Tages erblühen wieder Büsche und Bäume auf dem rund 1,5 ha bis hinunter zum Bach. Kinder spielen und plantschen im Tümpel an der munter sprudelnden Quelle.

Und auf dem Hügel, weit draußen vor dem Dorf, jenem saftig grünen Hügel mit seinem weit hin leuchtenden Apfelbaum...

Im goldenen Strahl der erwachenden Morgensonne schwingt ein Lied im Schatten des Baumes. Eine junge zierliche Frau mit funkelnden blauen Augen summt leise die Melodie des vertrauten Ortes. Viele Tage und Nächte hat sie mit ihrem Liebsten dort verbracht, den Wind gespürt, den Lauf der Gestirne beobachtet, vom zarten Grün der Wiese gekostet. Der kräftige Geschmack des sauren Ampfers zauberte ihr manch zaghaft kindliches Lächeln ins Gesicht.

Ein junger Mann steht auf dem Hügel, stolz und klar malt er seinen Traum. Vor den Augen der Versammelten wird er einen blühenden Garten schaffen, einen Teich anlegen, den Pferden ihre Weide geben, einen Wald wachsen lassen und sein Haus bauen. Beide halten sich an den Händen. Ihren Raum der Liebe werden sie gemeinsam mit Leben füllen. Die Dolmen, in den uralten Wäldern ringsum, die Hügelgräber im Wäldchen direkt hinter ihnen, ihre Energie beginnt zu vibrieren, in Erinnerung an diese heilige Zeremonie. Feierlich überreicht sie ihm einen saftigen rotbackigen Apfel vom alten Baum auf Ihrem Hügel. Ihre jugendlich erfrischenden rosigen Wangen, leuchtend rot wie dieser Apfel, wird sie behalten, ein glückliches langes Leben lang.

Michaela Wöhner Kühnel

"Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit..." Liedtext

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